Montag, 8. Juni 2015

"antikes" Stehpult - aus Pappe

Think big! Ich kann nicht anders …

Ich singe ja in 2 tollen Chören. Der bunt gemischte „Chor Zeitlos“ 
hat in 2 Wochen mal wieder Konzerte. Wir singen ein buntes 
Programm aus weltlichen und geistlichen Liedern und Kanoni quer 
durch alle Jahrhunderte der bekannten Chorliteratur. Diesmal von 
Shakespeare bis Wise Guys. Das Besondere an unseren Konzerten 
ist, dass wir uns nicht einfach hinstellen und trällern. Im Laufe der 
Probenarbeit entsteht ein roter Faden, der den Titel vorgibt. Und die 
einzelnen Stücke werden dann im Konzert mit kleinen Gedichten 
oder Anspielen miteinander verbunden. So singen wir auch den 
Kanon von Herrn Gänsewitz und seinem Kammerdiener: „Befehlt 
doch, draußen still zu schweigen. Ich muss jetzt meinen Namen 
schreiben!“ Der kanon ist von Haydn, also irgendwo zwischen 
Rokoko und Klassik entstanden, und macht riesig Spaß. 
Zu der Zeit war es offenbar noch nicht allgemein üblich, dass 
ein erwachsener Mann flüssig seinen Namen schreiben konnte.

Wir wollen im Konzert also tatsächlich den Herrn von Gänsewitz an 
sein Stehpult stellen und Blut und Wasser schwitzend seinen Namen 
schreiben lassen. Der Chor hatte vorgesehen, das mit einem 
Notenständer zu improvisieren. Aber – wie gesagt: think big!!! 
Ein Notenständer sieht doof aus, ist sowieso viel zu niedrig, und zum 
Schreiben wackelt der auch viel zu sehr. Voilá !


Aber der Reihe nach. Das Teil muss leicht und leicht zu 
transportieren sein (Pappe) und ein paar Monate lagerbar sein, 
damit wir das Konzertprogramm in 2016 nochmal aufnehmen 
können: stabil. Der Kammerdiener muss es bringen und nach 5 
Minuten Kanon wieder wegbringen können: Rollen.
Die zündende Idee kam, als ich diese sehr stabilen 
rechtwinkligen Pappleisten im Müll fand.


Der Blumenroller war dann schnell gegriffen. Ich habe 
die Leisten einfach knapp über dem Boden drangetackert.
So wird man die Rollen nicht sehen.


Weil sie etwas zu kurz, aber in ausreichender Menge vorhanden 
waren, habe ich die Stichsäge geschnappt, eine Leiste zersägt 
und die „Pfosten“ gleich schief verlängert.


Denn so ein Schreibpult hatte in der Regel eine 
schräge Auflagefläche.

Auf den nächsten Bildern sieht man, wie ich mit Unmengen 
Paketklebeband nach und nach das Grundgerüst gebaut habe.
Die obere Querstrebe konnte ich einfach etwas zusammen drücken, 
damit der richtige Winkel entstand.


Die untere Schräge ist mit schrägen Pappstücken vorbereitet, 
damit dann die Konstruktion dem Druck beim Schreiben standhält.



Zusätzlich habe ich Verstärkung angeklebt.


Als nächstes habe ich den Korpus gebaut, indem ich im Supermarkt 
eingesammelte große Pappen an 3 Seiten angeklebt habe.


Erst später fiel mir auf, dass es Probleme geben könnte, auf 
dem glatten Paketklebeband zu malen. Darum habe ich die 
Front mit Teppichklebeband angeklebt und später alle Kanten 
mit Malerklebeband aus Papier nochmal überklebt.


Der Rohbau - hier sieht man auch, welch verheerende Folgen 
so eine Aktion für einen - ich schwöre! - 3 Tage vorher 
gründlich aufgeräumten Keller haben kann ...:


Als nächstes musste ich mir Gedanken über eine brauchbare 
Schreibfläche machen, die trotz Schräge das Tintenfass halten 
muss und die Federn so hält, dass man sie vom Publikum aus sieht. 
Dazu habe ich mir im Supermarkt eine Palette eingesammelt, 
auf der mal Weinflaschen standen. Groß und flach.


Ich habe die erste Seite geöffnet und die Lasche so umgebogen, 
dass etwa der Winkel der Schräge für das obere Ende entstand.



Angeklebt …

 

Die Seite habe ich dreieckig angeklebt. So gibt es 
gleich ein bisschen schicken Überstand später.


Das andere Ende habe ich nach dem Öffnen 
andersrum angeschrägt.


Da ich die Palette insgesamt etwas kürzen musste, 
konnte ich nicht einen vorhandenen Falz nutzen. Ich habe also 
mit dem Cutter die Außenseite leicht geritzt, damit ich einen 
graden Knick bekomme.


Dann habe ich die entstandene Lasche angeklebt, ...


die überschüssige Pappe nach oben geklebt und dort 
so abgeschnitten, dass eine kleine Haltekante für das 
Papier entstanden ist.


Für die Tintenfasshalterung habe ich schlicht eine Bauchbinde 
für das Fass gemacht und die dann mit viel Klebeband am 
Deckel befestigt. Eine Rolle habe ich schräg angeklebt, damit 
die Federn zur Seite rausschauen.


Für die Bemalung habe ich nach barocken Stehpulten gegoogelt – 
und festgestellt, dass diese Möbel zu der Zeit eher sehr zierlich 
waren und deshalb keinen geschlossenen Korpus sondern schlanke 
Beine hatten. Zu spät. Ich hatte keine Lust, die Nutella-Werbung 
auch noch von innen bemalen zu müssen. Außerdem geben die 
Seiten dem schmalen Gerät erst die nötige Stabilität.

Abtönfarbe in mittlerem Braun hat für eine Grundierung gesorgt. 
Ich habe mir dann verschiedene zeittypische Gestaltungselemente 
abgeschaut, eine grobe Einteilung auf den korpus gemalt und 
erstmal drüber geschlafen.

Heute habe ich mir verschiedene hellere und dunklere Brauntöne 
gemixt und losgelegt. Die Möbel waren damals zwar nicht 
angemalt sondern in der Regel aus verschiedenen Echthölzern, 
verfeinert mit Furnieren, kassetten, Profilen, Simsen und Rosetten. 
Ich habe mich aber gegen Holzmaserung entschieden, weil ich 
dann noch viel feiner hätte arbeiten müssen. Stattdessen habe 
ich mit hellen und dunklen Tönen versucht, ein Auf und Ab zu 
simulieren, das ein bisschen Tiefe erzeugen sollte.

Der Deckel ist einfach ganz dunkel geworden. Bei diesem Foto von 
unten habe ich die Perspektive der Zuhörer eingenommen und 
festgestellt, dass ich den Deckel zumindest vorne auch von innen 
anmalen muss.


Und so sieht nun schließlich unser barockes Stehpult 
im Ganzem aus, mit Tintenfass und PiPaPo. Das 
Tintenfass ist übrigens von meinem Opa.


Es hat mal wieder so richtig Spaß gemacht, drauflos 
zu werkeln. Und heute Abend bin ich gespannt auf die 
Reaktion vom Chor.

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