Dienstag, 1. Dezember 2015

Adventskalender für liebe Menschen

Ich selbst verschicke gerne Teebeutel-Adventskalender, an die ich 24 Gedichte oder wie in diesem Jahr 24 Teile einer fortlaufenden Geschichte hefte. Dieses Jahr war es folgende Geschichte:

Weihnachten in den Ardennen
1) Herbst 1944. Viele Menschen am Rhein dachten, der Krieg geht zu Ende. Kaum jemand fürchtete die alliierte Invasion: je früher, desto besser. Darum holte der Bäckermeister Vincken seine ausgebombte Familie, seine Frau und den 12-jährigen Sohn Fritz, in seine Nähe in die Ardennen, wo er dienstverpflichtet war, um für die Wehrmacht Brot zu backen.
2) Auf dem Kübelwagen brachte er die beiden nach stundenlanger Nachtfahrt den Amerikanern entgegen in eine leerstehende Baracke, die versteckt auf einer Lichtung stand.
3) Aber die Front versteifte sich. Im Dezember kam es sogar zu einer Gegenoffensive. Tief eingeschneit harrten die zwei in der Hütte aus. Dem Vater fiel es aber immer schwerer, seine Familie zu versorgen. So kam der Heilige Abend 1944. Sein Sohn Fritz hat später aufgeschrieben, was damals geschah:
4) Wir hörten den ganzen Tag das dumpfe Dröhnen alliierter Kampfflugzeuge. Es war bitterkalt. Mutter bereitete am Ofen im spärlichen Licht einer Kerze eine Hühnersuppe zu. Vater war unterwegs, um zu organisieren. Auf einmal klopfte es an der Tür.
5) Erschrocken zuckte ich zusammen und sah, wie Mutter hastig die Kerzen ausblies. Es klopfte wieder. Wir fassten uns ein Herz und machten auf. Draußen standen zwei Männer mit Stahlhelmen. Einer sprach in einer fremden Sprache und zeigte auf einen dritten, der im Schnee lag. Und wir begriffen: diese Männer waren amerikanische Soldaten.
6) Mutter stand regungslos neben mir. Sie waren bewaffnet und hätten ihr Eintreten erzwingen können, doch sie standen da und fragten mit den Augen. Der im Schnee Sitzende schien mehr tot als lebendig.
7) „Kommt rein!“, sagte Mutter mit einer einladenden Geste. Einer von ihnen konnte sich mit meiner Mutter auf Französisch verständlich machen. Mutter kümmerte sich um den Verwundeten. Am Ofen sitzend, wich die Kälte von ihnen. Die Lebensgeister stellten sich wieder ein. Die drei waren Versprengte, hatten ihre Einheit verloren und waren seit Tagen im Wald umhergeirrt.
8) Mutter trug mir auf:“Geh, bring noch 6 Kartoffeln.“ Sie zündete eine zweite Kerze an und schnitt die gewaschenen, ungeschälten Erdäpfel in die Suppe hinein. Sie zu schälen, wäre damals arge Verschwendung gewesen. Der Verwundete hatte viel geblutet und lag teilnahmslos und still. Mutters Suppe verbreitete einen einladenden Duft. Ich war gerade dabei, den Tisch zu decken, da klopfte es wieder an die Tür.
9) Ich erwartete weitere versprengte Amerikaner und öffnete ohne Zaudern. Es waren Soldaten, vier Mann, und alle bis an die Zähne bewaffnet. Die Uniform war mir vertraut. Das waren unsere Soldaten der Wehrmacht.
10) Ich war vor Schreck wie gelähmt. Obschon ein Kind, wusste ich:“Wer dem Feind hilft, wird erschossen!“ War das unser Ende?
11) Mutter trat hinaus. Ihre gefasste Stimme beruhigte mich etwas: „Ihr bringt eisige Kälte mit, wollt ihr mit uns essen?“, entfuhr es ihr. Damit hatte sie den richtigen Ton gefunden. Die Soldaten grüßten freundlich und waren sichtlich froh, am Heiligabend im Grenzland der Ardennen zwischen den Fronten Landsleute gefunden zu haben.
12) „Dürfen wir uns aufwärmen?“, fragte der Rangälteste, ein Unteroffizier. „Vielleicht können wir bleiben bis morgen?“
13) „Natürlich“, antwortete Mutter herzlich und fügte dann mutig hinzu:“Es sind bereits drei Durchgefrorene hier, um sich aufzuwärmen. Macht jetzt bitte an Heiligabend keinen Krawall!“ Der Unteroffizier hatte begriffen. Barsch verlangte er zu wissen: “Amis?“
14) Mutter sah jeden Einzelnen an und sagte langsam:“Ihr könntet meine Söhne sein, und die da drinnen auch. Einer ist verwundet, gar nicht gut dran. Und die anderen sind so hungrig und müde wie ihr.“ Dann sagte sie zum Unteroffizier:“Es ist Heiligabend. Hier wird nicht geschossen!“
15) Der starrte sie an. Für zwei, drei endlose Sekunden. Doch Mutter sagte entschlossen:“Legt das Schießzeug auf das Holz und kommt rein!“
Tut, was sie sagt!“, knurrte der Unteroffizier.
Wortlos legten sie die Waffen in den Schuppen, in dem wir unser Holz aufbewahrten: drei Karabiner, zwei Pistolen, ein leichtes Maschinengewehr und zwei Panzerfäuste.
16) Den Amerikanern war der Feind nicht verborgen geblieben. Mit dem Mut der Verzweiflung waren sie willens, sich zur Wehr zu setzen. Als alle in der kleinen Stube waren, schienen sie ratlos.
17)Mutter aber war in ihrem Element. Lächelnd suchte sie für jeden eine Sitzgelegenheit. Wir hatten drei Stühle, aber Mutters Bett war groß. Man schwieg sich an, es lag eine Gespanntheit in der Luft. Mutter machte sich wieder ans Kochen.
18) Der Verwundete stöhnte laut auf. Einer der Deutschen beugte sich über ihn. „Sind sie Sanitäter?“, fragte Mutter. Er erwiderte:“Nein, aber ich habe bis vor wenigen Monaten in Heidelberg Medizin studiert.“ Dann erklärte er den Amerikanern auf Englisch:“Die Wunde ist dank der Kälte nicht entzündet. Aber er hat Blut verloren und braucht Ruhe und kräftiges Essen.“
19) Jetzt löste sich die Spannung. Der Unteroffizier nahm aus seinem Brotbeutel eine Flasche Rotwein, ein andrer legte ein Komissbrot auf den Tisch. Mutter schnitt das Brot in Scheiben und füllte etwas von dem Wein in den Becher; „für den Kranken!“ Der Rest wurde aufgeteilt. Jetzt war alles für das Weihnachtsmahl bereitet.
20) Zwei Kerzen flackerten auf dem Tisch. Am Kopfende saß Mutter auf einer improvisierten Sitzgelegenheit. Bei uns zu Hause war es nicht üblich, laut vor dem Essen zu beten. Doch nun war alles anders. Es war eine feierliche Stimmung. Keinem wäre es eingefallen, sich ohne weiteres über das Mahl herzumachen.
21) Wir fassten einander an den Händen. Die Mutter sprach dann mit ergreifender Innigkeit, als ob sie Weihnachten verkündete: “Komm, Herr Jesus, und sei unser Gast ...“ Und sie schloss mit den Worten: “Und bitte, mach endlich Schluss mit diesem Krieg!“
22)Als ich mich in der Runde umsah, bemerkte ich Tränen in den Augen der Soldaten. Und niemand schämte sich. Schließlich gingen wir schlafen. Ich fand noch in Mutters Bett Platz. Nach einem kargen Frühstück zeigte der Unteroffizier den Amerikanern den Weg zu den amerikanischen Linien. Ein deutscher Kompass wechselte den Besitzer.
23) „Passt auf, wo ihr geht. Viele Wege sind vermint. Wenn ihr eure JaBo´s (Jagdbomber) hört, winkt ihnen wie der Teufel.“ Der Medizinstudent übersetzte ins Englische. Dann bewaffneten sie sich wieder.
24) Alle umarmten sich fröhlich; man versprach, sich wieder zu sehen. „As soon as this damn war is over!“ (Sobald dieser verdammte Krieg vorüber ist!)
In der US-Fernseh-Serie „Ungelöste Geheimnisse“ kam es im Januar 1996 zu einem Wiedersehen von Fritz Vincken mit den amerikanischen Soldaten. Einer von ihnen besaß noch immer den deutschen Wehrmachtskompass, von dem er sich nie getrennt hatte.

Kurz vorher war eine Bastelfreundin hier, die mit Stanzbuchstaben aus diversen Designpapieren rumprobiert hat. Und am Ende hat sie die ganzen Buchstaben hier aus Versehen liegen lassen. Nachdem sie zu Hause dann eine ganz andere Lösung für ihr Projekt gewählt hatte, durfte ich die Buchstaben „verwursten“ und habe daraus diese Begleitkarten für meine Adventskalender gemacht:


Eigentlich kriegen die Kinder ja zu Nikolaus und Weihnachten sowieso zuviel. Darum will ich nur unseren Schnuckes-Wandkalender haben. Reicht völlig – dachte ich.


Mein Sohn hat sich aber seeeehhhhhhhnlichst (es hat mich ja geschüttelt …) einen fertigen „Hot Wheels“-Kalender gewünscht. Nachdem mein Vater ihm diesen Wunsch gegen meinen Widerstand erfüllt hat, fand ich es nur fair, wenn unsere Tochter doch auch einen gegenständlichen kalender bekommt. Kurzerhand habe ich die alten, mit grünem Geschenkpapier bezogenen Schachteln an Wäscheklammern rausgeholt und sie neben ihrem Zimmer ans Treppengeländer gehängt.


Gefüllt habe ich sie nach einem kleinen Ausflug in die Stadt zu diversen Parfumerien und Drogerien. Sie wird demnächst 15 und hat inzwischen viel Spaß daran, sich zu schminken. Sie macht das auch sehr dezent und geschmackvoll. Also habe ich einige Parfumpröbchen geschnorrt und mit Nagellack, Schwämmchen, Stiften u.a. Schminkuntensilien aufgefüllt. Sie war hin und weg. Und ich war froh, ihren Geschmack getroffen zu haben. (Mütter von weiblichen Pubertieren kennen diese Form der Erleichterung. Mütter sind dann nämlich plötzlich peinlich, wollen aber doch sooo gerne noch gemocht werden …)

Als nächstes muss sie zum Geburtstag tatsächlich eines der Parfums bekommen. So schnell geht das …

Mein Mann bekommt jedes Jahr einen eigenen Adventskalender mit ein paar Süßigkeiten und einer Geschichte. Dieses Jahr habe ich (Idee geklaut von einer Freundin) statt der Geschichte 24 kleine Zettel geschrieben mit Dingen, die ich an ihm mag oder bewundere. Auch dafür habe ich einen alten Kalender wieder rausgekramt. Und auch hier musste das Treppengeländer zum Schlafzimmer im 2. Stock herhalten. 

 

Es sind kleine Nikoläuse:


Hier sieht man die Rückseite mit den umgeklebten Laschen 
und den Wäscheklammern auf der Rückseite:


Und hier habe ich mal skizziert, wie die Einzelteile des Nikolaus aussehen. Ein langgezogenes Dreieck aus Wellpappe für den Körper, ein weißer Kopf, der Haar und Bart gleichzeitig ist und nebenbei die Spitze zur Mütze macht. Ein rosa Kreis als Gesicht. Und ein Stück rotes Tonpapier als „Bauch“. Man klebt erst die Unterkante fest. Wenn man dann die Seiten anklebt, wölbt sich der Bauch automatisch nach vorne. Da muss man mit Länge und Breite ein bisschen rumprobieren, bis der „Bauch“ groß genug ist, dass auch was reinpasst.


Die logische Konsequenz nach kurzem Nachdenken war, dass ich auch noch kleine Komplimente-Zettel für die Kinder geschrieben und in die Säckchen am Wandbehang gesteckt habe. Allerdings habe ich da nur die ersten Tage angelegt und dann mit meinem Mann gemeinsam nach und nach noch weitere Zettel geschrieben. Die Komplimente-Zettel landeten mit einer Klammer an der Wohnzimmertür, und die Kinder haben sich auf den Adventskalender gestürzt wie schon lange nicht mehr. Diese Art der Wertschätzung hat sie richtig glücklich gemacht. Und mich damit auch.


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