Ich selbst verschicke
gerne Teebeutel-Adventskalender, an die ich 24 Gedichte oder wie in
diesem Jahr 24 Teile einer fortlaufenden Geschichte hefte. Dieses
Jahr war es folgende Geschichte:
Weihnachten
in den Ardennen
1)
Herbst 1944. Viele Menschen am Rhein dachten, der Krieg geht zu Ende.
Kaum jemand fürchtete die alliierte Invasion: je früher, desto
besser. Darum holte der Bäckermeister Vincken seine ausgebombte
Familie, seine Frau und den 12-jährigen Sohn Fritz, in seine Nähe
in die Ardennen, wo er dienstverpflichtet war, um für die Wehrmacht
Brot zu backen.
2)
Auf dem Kübelwagen brachte er die beiden nach stundenlanger
Nachtfahrt den Amerikanern entgegen in eine leerstehende Baracke, die
versteckt auf einer Lichtung stand.
3)
Aber die Front versteifte sich. Im Dezember kam es sogar zu einer
Gegenoffensive. Tief eingeschneit harrten die zwei in der Hütte
aus. Dem Vater fiel es aber immer schwerer, seine Familie zu
versorgen. So kam der Heilige Abend 1944. Sein Sohn Fritz hat später
aufgeschrieben, was damals geschah:
4)
Wir hörten den ganzen Tag das dumpfe Dröhnen alliierter
Kampfflugzeuge. Es war bitterkalt. Mutter bereitete am Ofen im
spärlichen Licht einer Kerze eine Hühnersuppe zu. Vater war
unterwegs, um zu organisieren. Auf einmal klopfte es an der Tür.
5)
Erschrocken zuckte ich zusammen und sah, wie Mutter hastig die
Kerzen ausblies. Es klopfte wieder. Wir fassten uns ein Herz und
machten auf. Draußen standen zwei Männer mit Stahlhelmen. Einer
sprach in einer fremden Sprache und zeigte auf einen dritten, der im
Schnee lag. Und wir begriffen: diese Männer waren amerikanische
Soldaten.
6)
Mutter stand regungslos neben mir. Sie waren bewaffnet und hätten
ihr Eintreten erzwingen können, doch sie standen da und fragten mit
den Augen. Der im Schnee Sitzende schien mehr tot als lebendig.
7)
„Kommt rein!“, sagte Mutter mit einer einladenden Geste. Einer
von ihnen konnte sich mit meiner Mutter auf Französisch
verständlich machen. Mutter kümmerte sich um den Verwundeten. Am
Ofen sitzend, wich die Kälte von ihnen. Die Lebensgeister stellten
sich wieder ein. Die drei waren Versprengte, hatten ihre Einheit
verloren und waren seit Tagen im Wald umhergeirrt.
8)
Mutter trug mir auf:“Geh, bring noch 6 Kartoffeln.“ Sie zündete
eine zweite Kerze an und schnitt die gewaschenen, ungeschälten
Erdäpfel in die Suppe hinein. Sie zu schälen, wäre damals arge
Verschwendung gewesen. Der Verwundete hatte viel geblutet und lag
teilnahmslos und still. Mutters Suppe verbreitete einen einladenden
Duft. Ich war gerade dabei, den Tisch zu decken, da klopfte es wieder
an die Tür.
9)
Ich erwartete weitere versprengte Amerikaner und öffnete ohne
Zaudern. Es waren Soldaten, vier Mann, und alle bis an die Zähne
bewaffnet. Die Uniform war mir vertraut. Das waren unsere Soldaten
der Wehrmacht.
10)
Ich war vor Schreck wie gelähmt. Obschon ein Kind, wusste ich:“Wer
dem Feind hilft, wird erschossen!“ War das unser Ende?
11)
Mutter trat hinaus. Ihre gefasste Stimme beruhigte mich etwas: „Ihr
bringt eisige Kälte mit, wollt ihr mit uns essen?“, entfuhr es
ihr. Damit hatte sie den richtigen Ton gefunden. Die Soldaten
grüßten freundlich und waren sichtlich froh, am Heiligabend im
Grenzland der Ardennen zwischen den Fronten Landsleute gefunden zu
haben.
12)
„Dürfen wir uns aufwärmen?“, fragte der Rangälteste, ein
Unteroffizier. „Vielleicht können wir bleiben bis morgen?“
13)
„Natürlich“, antwortete Mutter herzlich und fügte dann mutig
hinzu:“Es sind bereits drei Durchgefrorene hier, um sich
aufzuwärmen. Macht jetzt bitte an Heiligabend keinen Krawall!“
Der Unteroffizier hatte begriffen. Barsch verlangte er zu wissen:
“Amis?“
14)
Mutter sah jeden Einzelnen an und sagte langsam:“Ihr könntet meine
Söhne sein, und die da drinnen auch. Einer ist verwundet, gar nicht
gut dran. Und die anderen sind so hungrig und müde wie ihr.“ Dann
sagte sie zum Unteroffizier:“Es ist Heiligabend. Hier wird nicht
geschossen!“
15)
Der starrte sie an. Für zwei, drei endlose Sekunden. Doch Mutter
sagte entschlossen:“Legt das Schießzeug auf das Holz und kommt
rein!“
„Tut,
was sie sagt!“, knurrte der Unteroffizier.
Wortlos
legten sie die Waffen in den Schuppen, in dem wir unser Holz
aufbewahrten: drei Karabiner, zwei Pistolen, ein leichtes
Maschinengewehr und zwei Panzerfäuste.
16)
Den Amerikanern war der Feind nicht verborgen geblieben. Mit dem Mut
der Verzweiflung waren sie willens, sich zur Wehr zu setzen. Als alle
in der kleinen Stube waren, schienen sie ratlos.
17)Mutter
aber war in ihrem Element. Lächelnd suchte sie für jeden eine
Sitzgelegenheit. Wir hatten drei Stühle, aber Mutters Bett war groß.
Man schwieg sich an, es lag eine Gespanntheit in der Luft. Mutter
machte sich wieder ans Kochen.
18)
Der Verwundete stöhnte laut auf. Einer der Deutschen beugte sich
über ihn. „Sind sie Sanitäter?“, fragte Mutter. Er
erwiderte:“Nein, aber ich habe bis vor wenigen Monaten in
Heidelberg Medizin studiert.“ Dann erklärte er den Amerikanern auf
Englisch:“Die Wunde ist dank der Kälte nicht entzündet. Aber er
hat Blut verloren und braucht Ruhe und kräftiges Essen.“
19)
Jetzt löste sich die Spannung. Der Unteroffizier nahm aus seinem
Brotbeutel eine Flasche Rotwein, ein andrer legte ein Komissbrot
auf den Tisch. Mutter schnitt
das Brot in Scheiben und füllte etwas von dem Wein in den Becher;
„für den Kranken!“ Der Rest wurde aufgeteilt. Jetzt war alles
für das Weihnachtsmahl bereitet.
20)
Zwei Kerzen flackerten auf dem Tisch. Am Kopfende saß Mutter auf
einer improvisierten Sitzgelegenheit. Bei uns zu Hause war es nicht
üblich, laut vor dem Essen zu beten. Doch nun war alles anders. Es
war eine feierliche Stimmung. Keinem wäre es eingefallen, sich ohne
weiteres über das Mahl herzumachen.
21)
Wir fassten einander an den Händen. Die Mutter sprach dann mit
ergreifender Innigkeit, als ob sie Weihnachten verkündete: “Komm,
Herr Jesus, und sei unser Gast ...“ Und sie schloss mit den Worten:
“Und bitte, mach endlich Schluss mit diesem Krieg!“
22)Als
ich mich in der Runde umsah, bemerkte ich Tränen in den Augen der
Soldaten. Und niemand schämte sich. Schließlich gingen wir
schlafen. Ich fand noch in Mutters Bett Platz. Nach einem kargen
Frühstück zeigte der Unteroffizier den Amerikanern den Weg zu den
amerikanischen Linien. Ein deutscher Kompass wechselte den Besitzer.
23)
„Passt auf, wo ihr geht. Viele Wege sind vermint. Wenn ihr eure
JaBo´s (Jagdbomber) hört, winkt ihnen wie der Teufel.“ Der
Medizinstudent übersetzte ins Englische. Dann bewaffneten sie sich
wieder.
24)
Alle umarmten sich fröhlich; man versprach, sich wieder zu sehen.
„As soon as this damn war is over!“ (Sobald dieser verdammte
Krieg vorüber ist!)
In
der US-Fernseh-Serie „Ungelöste Geheimnisse“ kam es im Januar
1996 zu einem Wiedersehen von Fritz Vincken mit den amerikanischen
Soldaten. Einer von ihnen besaß noch immer den deutschen
Wehrmachtskompass, von dem er sich nie getrennt hatte.
Kurz vorher war eine
Bastelfreundin hier, die mit Stanzbuchstaben aus diversen
Designpapieren rumprobiert hat. Und am Ende hat sie die ganzen
Buchstaben hier aus Versehen liegen lassen. Nachdem sie zu Hause dann
eine ganz andere Lösung für ihr Projekt gewählt hatte, durfte ich
die Buchstaben „verwursten“ und habe daraus diese Begleitkarten
für meine Adventskalender gemacht:
Eigentlich kriegen
die Kinder ja zu Nikolaus und Weihnachten sowieso zuviel. Darum will
ich nur unseren Schnuckes-Wandkalender haben. Reicht völlig –
dachte ich.

Mein Sohn hat sich aber seeeehhhhhhhnlichst (es hat mich
ja geschüttelt …) einen fertigen „Hot Wheels“-Kalender
gewünscht. Nachdem mein Vater ihm diesen Wunsch gegen meinen
Widerstand erfüllt hat, fand ich es nur fair, wenn unsere Tochter
doch auch einen gegenständlichen kalender bekommt. Kurzerhand habe
ich die alten, mit grünem Geschenkpapier bezogenen Schachteln an
Wäscheklammern rausgeholt und sie neben ihrem Zimmer ans
Treppengeländer gehängt.
Gefüllt habe ich sie
nach einem kleinen Ausflug in die Stadt zu diversen Parfumerien und
Drogerien. Sie wird demnächst 15 und hat inzwischen viel Spaß
daran, sich zu schminken. Sie macht das auch sehr dezent und
geschmackvoll. Also habe ich einige Parfumpröbchen geschnorrt und
mit Nagellack, Schwämmchen, Stiften u.a. Schminkuntensilien
aufgefüllt. Sie war hin und weg. Und ich war froh, ihren Geschmack
getroffen zu haben. (Mütter von weiblichen Pubertieren kennen diese
Form der Erleichterung. Mütter sind dann nämlich plötzlich
peinlich, wollen aber doch sooo gerne noch gemocht werden …)
Als nächstes muss
sie zum Geburtstag tatsächlich eines der Parfums bekommen. So
schnell geht das …
Mein Mann bekommt
jedes Jahr einen eigenen Adventskalender mit ein paar Süßigkeiten
und einer Geschichte. Dieses Jahr habe ich (Idee geklaut von einer
Freundin) statt der Geschichte 24 kleine Zettel geschrieben mit
Dingen, die ich an ihm mag oder bewundere. Auch dafür habe ich einen
alten Kalender wieder rausgekramt. Und auch hier musste das
Treppengeländer zum Schlafzimmer im 2. Stock herhalten.
Es sind kleine
Nikoläuse:
Hier sieht man die
Rückseite mit den umgeklebten Laschen
und den Wäscheklammern auf
der Rückseite:
Und hier habe ich mal
skizziert, wie die Einzelteile des Nikolaus aussehen. Ein
langgezogenes Dreieck aus Wellpappe für den Körper, ein weißer
Kopf, der Haar und Bart gleichzeitig ist und nebenbei die Spitze zur
Mütze macht. Ein rosa Kreis als Gesicht. Und ein Stück rotes
Tonpapier als „Bauch“. Man klebt erst die Unterkante fest. Wenn
man dann die Seiten anklebt, wölbt sich der Bauch automatisch nach
vorne. Da muss man mit Länge und Breite ein bisschen rumprobieren,
bis der „Bauch“ groß genug ist, dass auch was reinpasst.
Die logische
Konsequenz nach kurzem Nachdenken war, dass ich auch noch kleine
Komplimente-Zettel für die Kinder geschrieben und in die Säckchen
am Wandbehang gesteckt habe. Allerdings habe ich da nur die ersten
Tage angelegt und dann mit meinem Mann gemeinsam nach und nach noch
weitere Zettel geschrieben. Die Komplimente-Zettel landeten mit einer
Klammer an der Wohnzimmertür, und die Kinder haben sich auf den
Adventskalender gestürzt wie schon lange nicht mehr. Diese Art der
Wertschätzung hat sie richtig glücklich gemacht. Und mich damit
auch.





